Vortrag in memoriam Rudolf Thurneysen: Luciana Cordo Russo
In diesem Jahr fiel das Datum des Vortrags in memoriam Rudolf Thurneysen, der seit 1972 großzügigerweise durch den Thurneysenstiftungsfonds gefördert wird, mit dem Dies Academicus zusammen. Am 03.12 lauschten ca. 30 Interessierte Zuhörer*innen Dr. Luciana Cordo Russo (University of Bristol) bei ihrem Vortrag mit dem Titel „The Legend of Charlemagne in Medieval Wales and the North of Europe“.
Zu Beginn gab Dr. Cordo Russo einen kurzen Einblick in den noch immer andauernden Einfluss Karls des Großen auf Europa. Sie sprach über seinen Beinamen „Pater Europae“ und den Charlemagne Prize, bevor sie das Publikum an die Geschichten über Karl den Großen, insbesondere das Rolandslied und die Geschichte von Otuel/Otinel erinnerte.
Die Forscherin beschrieb die Möglichkeit, dass die walisischen und skandinavischen Texte über Otuel eine gemeinsame anglo-normannische Quelle gehabt haben könnten. Anhand von Bildern der betreffenden Handschriften konnte sie dem Publikum illustrieren, wie Missinterpretationen, zum Beispiel einzelne Buchstaben als Ligaturen in Namen zu verstehen, ein Hinweis darauf sein können, dass zwei Handschriften denselben Ursprung haben.
Im Anschluss widmete sie sich der Überlieferung der Pseudo-Turpin-Chronik. Mit Hilfe einer Tabelle verdeutlichte sie anschaulich, welche Elemente in den verschiedenen Handschriften enthalten sind und wie sie angeordnet sind. Damit wurde noch einmal klar, wie vernetzt die Schreiber im Mittelalter gewesen sein müssen und wie Texte im Laufe der Zeit ergänzt und ausgebaut wurden. Im Vergleich dieser Texte erklärte Luciana Cordo Russo zudem, wie einige Stellen die Verbindungen zwischen den lateinischen und den einheimischen Versionen der Chronik im mittelalterlichen Britannien zeigen. Gleichzeitig beschrieb sie aber auch, dass die walisischen Texte im Vergleich zu den lateinischen Überlieferungen kürzer ausfallen und viele Elemente, wie etwa die Erwähnung der 150 durch Karl den Großen eroberten Städte auf eine kurze Auswahl an Städten reduziert worden ist. Sie erklärte auch, dass dies nicht nur bei den Karlstexten der Fall sei, sondern, dass insgesamt die Tendenz besteht, längere Listen abzukürzen.
Auf den Vortrag folgte eine Diskussion in der nicht nur Standpunkte aus der Keltologie, sondern auch aus der Skandinavistik und Anglistik erörtert wurden. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Luciana Cordo Russo für diesen anregenden und erkenntnisreichen Vortrag!
Jasper Kaufhold
P.S. Und weil am nächsten Tag der Kymrisch-Kurs am Morgen stattfand, sollten wir noch unbedingt Luciana auch dazu einladen um über walisisches Leben in Patagonien, Argentinien zu erzählen – was sie sowohl aus eigener Erfahrung, als auch aus der neusten Forschung kennt. Das war ein faszinierender Beitrag – diolch o galon!
Elena Parina